„Globale Verantwortung und Ambitionen“ - Ein Blick auf Großbritanniens Sicherheits- und Verteidigungsstrategie© Henry Plimack
„Globale Verantwortung und Ambitionen“
Ein Blick auf Großbritanniens Sicherheits- und Verteidigungsstrategie
Von Jörg Schnurre

Im Oktober 2010 hat das Vereinigte Königreich von Großbritannien seine Sicherheits- und Verteidigungsstrategie in einer umfassenden Überprüfung den gegenwärtigen und zukünftigen Herausforderungen angepasst. Für Deutschland klingt das nach bekannten Worten, schließlich liegen die Verteidigungspolitischen Richtlinien und die damit verbundene Neuausrichtung der Streitkräfte erst wenige Monate zurück. Trotz zahlreicher Parallelen - allen voran in der Lagefeststellung - zeichnen sich wesentliche Unterschiede in den Konsequenzen beider europäischer Partner ab.


Als Gastreferenten hatte die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik Peter Watkins, den Generaldirektor der britischen Verteidigungsakademie nach Berlin eingeladen. In einem spannenden Vortrag referierte er ausführlich über das Grundlagendokument und zog an einigen Stellen Vergleiche zur deutschen Analyse. Watkins umschreibt die Überprüfung und Neuausrichtung mit anschaulichen Bildern. Bezeichnend sind die vielen Diagrammpfeile, welche entweder einen Abwärts- oder Aufwärtstrend für einzelne Bereiche ergeben und mit denen auch Akzentverschiebungen erkennbar werden.


Die Anpassung der nationalen Sicherheits- und Verteidigungsstrategie ist zwar maßgeblich durch die globalen ökonomischen Herausforderungen initiiert. Doch auch Veränderungen in der Technologie sowie im sicherheitspolitischen Umfeld haben daran mitgewirkt. Mit einem Blick auf den Untertitel des Dokuments wird der britische Blickwinkel deutlich und als „Zeitalter der Ungewissheiten“ umschrieben ist. In der sicherheitspolitischen Lagefeststellung gleichen sich beide Länder nahezu. Für Watkins ist das ein wesentlicher Aspekt auf den er gleich zu Beginn großen Wert legt. Schließlich habe sich diese während und nach dem Ende des Kalten Krieg eher konträr gestaltet. Neben den klassischen Bedrohungsszenarien bilden vor allem die neuen Bedrohungen wie Cyberterrorismus, Naturkatastrophen, organisierte Kriminalität usw. einen neuen Schwerpunkt.


In den Auswirkungen hebt sich die neue Strategie Großbritanniens in vielen Aspekten von der deutschen ab. Die wesentlichen Parallelen beziehen sich u.a. auf die Reduzierung der Gesamttruppenstärke; eine Abflachung der Befehls- und Kommandostruktur, welche auch eine Verkleinerung des Verteidigungsministeriums um 25 Prozent nach sich zieht; eine streitkräftegemeinsame Unterstützungsbehörde, um die Unterstützungskräfte zu bündeln; Stärkung des Spezialkräfte; Aufstockung der strategischen Verlegefähigkeiten sowie eine vermehrte Abstützung auf ReservistInnen mit ihren zivilen Fähigkeiten.


Eines steht für beide Länder fest, die zahlreichen Herausforderungen im sicherheitspolitischen Umfeld lassen sich nicht mehr in einem nationalen Alleingang bestreiten. Kooperationen und strategische Allianzen stehen in Zukunft noch mehr auf der Agenda. Und hier werden die Unterschiede erkennbar. Fokussiert die deutsche Sicherheits- und Verteidigungspolitik nahezu ausschließlich die europäische Union, so wird Großbritanniens Ansatz weit über die europäischen Grenzen hinaus deutlich. Europa bilde demnach weiterhin nur eine untergeordnete Rolle. Im einleitenden Paragraph des Dokuments findet sich dazu bereits die passende Formulierung der „Globalen Verantwortung und globale Ambitionen“. Als globale Handelsnation kann Großbritannien keine andere Antwort darauf finden, bilanziert Watkins. Die Weltwirtschaft hat enormen Einfluss auf die Sicherheitspolitik des Landes und bedeutet Umkehrschluss, ein mehr an globalem Einfluss stärke die nationale Sicherheit.


Dennoch seien die europäischen Partner wichtig. Die jüngst eingegangene Kooperationsvereinbarung mit Frankreich ist nicht begrenzt und stehe einer Beteiligung weiterer Nationen offen. Abschließend hebt Watkins auf die bereits seit 40 Jahren bestehende „stille Partnerschaft“ zwischen Großbritannien und Deutschland Ländern ab. Sie verlaufe gut, aber still bedeute eben nicht die Aussetzung von Dialog und Konsultation. Beiden Ländern sollte dieser Punkt von Zeit zu Zeit bewusster sein. Ganz Unrecht scheint er nicht zu haben, denn beide Länder können aus dem Erfahrungsschatz des jeweils anderen lernen. So beispielsweise bei der Etablierung einer reinen Berufsarmee oder dem Umgang mit PTBS und Veteranen, um nur einige Beispiel zu nennen.



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Sonntag, 23. April 2017


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Online veröffentlicht am
28. September '11 um 23:52 Uhr (CET).


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