IMS Historie - Die NATO in der Kuba-Krise
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Die NATO in der Kuba-Krise
Von Harald Biermann

Als am 22. Oktober 1962 die Welt den Atem anhielt, waren die amerikanischen Hauptverbündeten in Europa bereits in Kenntnis gesetzt worden. Unmittelbar vor der Rede des US-Präsidenten John F. Kennedy, in der er die Präsenz sowjetischer Mittelstreckenraketen auf Kuba enthüllte, waren Emissäre nach Frankreich, Großbritannien und in die Bundesrepublik Deutschland entsandt worden, um die Lage aus amerikanischer Sicht darzulegen.

Während eines solchen Gesprächs fragte der französische Staatspräsident Charles de Gaulle den amerikanischen Sondergesandten Dean Acheson, ob er konsultiert oder lediglich informiert werden solle. Der ehemalige Außenminister Präsident Trumans antwortete mit der ihm eigenen Unverblümtheit: Er sei nach Paris geschickt worden, um den Staatspräsidenten zu unterrichten – nicht mehr und nicht weniger. De Gaulle nickte gedankenverloren und wandte sich anderen Themen zu.

In dieser Begegnung spiegelt sich wie in einem Brennglas das Verhältnis innerhalb der NATO während der Präsidentschaft Kennedys. Anders als sein Vorgänger, der erfahrene Weltkriegsgeneral Dwight D. Eisenhower (1953-1961), hatte der junge Berufspolitiker aus Massachusetts kein Gespür für die Bedeutung von Allianzen. Kennedy war nicht gewillt, große Rücksichten auf die NATO-Partner zu nehmen. Er propagierte im Bündnis einen Führungsstil, der nationale Alleingänge beförderte und die kraftvolle Durchsetzung amerikanischer Interessen als höchstes Gut betrachtete. Die NATO geriet während der kurzen Präsidentschaft Kennedys in schweres Fahrwasser, vor allem die Dauerkrise um Berlin forderte immer wieder ihren Tribut.

Am 16. Oktober 1962 hatte der amerikanische Präsident erstmals von den sowjetischen Mittelstreckenraketen auf Kuba erfahren. Während der rasch einberaumten Krisensitzungen im engsten Vertrautenkreis hatten sich die Entscheidungsträger schnell darauf geeinigt, ihr Wissen zunächst vor der Weltöffentlichkeit geheim zu halten. Die Männer im „Executive Committee“ – damals waren es in der Tat nur Männer – wollten zunächst Zeit gewinnen, um ohne öffentlichen Druck über die gefährliche Lage beraten zu können. Kennedy und seine Mannschaft entschieden sich auch gegen eine geheime Information der NATO-Partner. Denn es stand ihnen klar vor Augen, dass das NATO-Hauptquartier in Paris in diesen Jahren von Spionen des Ostblocks durchsetzt war. Selbst eine höchstgeheime Nachricht an die NATO hätte nur Stunden später auf dem Schreibtisch von Nikita S. Chruschtschow im Kreml gelegen.

Aus amerikanischer Sicht folgerichtig diskutierten Kennedy und seine Berater über den besten Weg, die nukleare Bedrohung aus der Karibik zu beenden. Dass ein Schlag gegen die sowjetischen Basen eine veritable Option darstellte, mag aus der Rückschau nicht überraschen. Was nach Freigabe der Akten sowie der geheim aufgenommenen Tonbandmitschnitte dann doch verblüfft, ist die Tatsache, dass Präsident Kennedy während der gesamten Beratungen immer wieder gegen eine militärische Lösung des Problems argumentierte.

Der Mann im Weißen Haus war hin- und hergerissen: Zum einen musste er ein Ende der sowjetischen Nuklearbedrohung von Kuba aus herbeiführen, denn ansonsten wäre die Glaubwürdigkeit der Vereinigten Staaten von Amerika als Führungsmacht der „Freien Welt" zusammengebrochen. Zum anderen glaubte der Präsident, dass jeder militärische Schlag gegen die Basen auf der Karibikinsel eine gleichsam automatische Antwort der UdSSR gegen West-Berlin nach sich ziehen würde. Seine äußerst stark ausgeprägten Glaubwürdigkeitserwägungen drängten ihn zur Aktion, seine nukleare Furcht und der geringe Glauben an die amerikanische Abschreckungskraft zwangen ihn zum Nichtstun. Kurzum: Kennedy sah überhaupt keine Möglichkeit, die strategische Überlegenheit der USA – bei den Kernwaffen mit interkontinentaler Reichweite lag die Sowjetunion mit 1 zu 17 im Hintertreffen – sowie die taktische Superiorität im karibischen Hinterhof der Vereinigten Staaten als Druckmittel einzusetzen. Aus seiner Sicht konsequent setzte Kennedy auf Geheimabsprachen mit dem Generalsekretär der KPdSU, um die Krise beizulegen.

Diese Geheimkontakte zwischen dem Weißen Haus und dem Kreml liefen über eine Reihe von „back channels“, von denen der Kontakt zwischen dem Bruder des Präsidenten, Justizminister Robert F. Kennedy, und dem sowjetischen Botschafter in Washington, Anatoli Dobrynin, eindeutig die höchste Bedeutung hatte. Ohne Wissen einer Vielzahl seiner engsten Berater offerierte der Präsident einen geheimen Kuhhandel: Die sowjetischen Raketen auf Kuba sollten umgehend abgezogen werden. Im Tausch dafür würden die Vereinigten Staaten die Mittelstreckenraketen aus der Türkei und Italien entfernen. Das Problem war allerdings, dass diese Flugkörper vom Typ „Jupiter“ nicht in der Verfügungsgewalt der USA standen. Sie gehörten den Stationierungsländern und standen unter dem Oberbefehl der NATO.

Kennedy wusste, dass alle europäischen NATO-Staaten diesen Tausch als Ausverkauf der Allianz ansehen würden. Er tat auf dem Höhepunkt der Krise, am 27. Oktober 1962, alles, um die Geheimabsprache mit seinem großen Widersacher zu verschleiern. Überspitzt könnte man sagen, dass während der letzten dramatischen Stunden der Krise Kennedy größeres Vertrauen in Chruschtschow setzte als in die Regierungen der NATO-Partner. Aus der verengten Sicht des Mannes im „Oval Office“ waren er und der Diktator im Kreml die beiden einzigen Schlüsselfiguren, um die Konfrontation in der Karibik gewaltlos beilegen zu können. Dass er mit seiner Geheimabsprache nicht nur viele seiner engsten Berater, sondern auch das amerikanische Volk bewusst getäuscht hatte, gehört zu den vielen Verfehlungen der kurzen Präsidentschaft Kennedys. Hinzu kommt, dass sein Bruder und die wenigen Vertrauten, die in den Raketentausch eingeweiht waren, über mehr als 25 Jahre versucht haben, den jungen Präsidenten als entschlossenen Helden darzustellen, der durch eine geniale Mischung zwischen diplomatischer Flexibilität und militärischer Härte die Sowjetunion in die Knie gezwungen hatte. Kurzum: Aus der Kuba-Krise des Herbstes 1962 lassen sich viele Dinge lernen. Sie ist jedoch denkbar ungeeignet, um als Musterbeispiel für erfolgreiches Krisenmanagement zu dienen.

Die NATO hat auch diese schwere Belastungsprobe überstanden. Der sowjetische Druck und die Schwäche der europäischen Demokratien, allein dieser Bedrohung Herr zu werden, haben immer wieder dazu geführt, dass die Vereinigten Staaten von Amerika als Führungsmacht letztlich unersetzlich blieben. Zugleich mussten auch die USA erkennen, dass eine berechenbare und auf Dauer angelegte Außenpolitik der Garant für Erfolg war. Seit dem Ende des Kalten Krieges im Jahre 1991 haben sich diese Koordinaten grundsätzlich und nachhaltig verschoben. Die NATO ist heute ein anderes Bündnis.

Bildquelle: NATO

erschienen in: IMS Nr. 2, 2009; 60 Jahre NATO


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Montag, 22. Dezember 2014


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Online veröffentlicht am
14. Oktober '09 um 10:00 Uhr (CET).


PD Dr. Harald Biermann ist Abteilungsdirektor im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn.


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